Joachim Ringelnatz
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Wunderstilles

WEIHNACHTEN

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus.
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern –
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen –
O, du gnadenreiche Zeit!

Joseph von Eichendorff


In der Interpretation von Hanna Seiffert
können Sie das Gedicht mit Linksklick hier aufrufen, mit Rechtsklick (speichern unter) als mp3-Datei herunterladen

Hanna Seiffert, eine der großen Persönlichkeiten des Düsseldorfer Theaterlebens, spricht
Eichendorffs Weihnachten

Caspar David Friedrich "Winterlandschaft mit Kirche" (1811)

Caspar David Friedrich „Winterlandschaft mit Kirche“ (1811)

„Mutter ist nervös, Vater ist nervös, Kind ist nervös, Oma ist nervös“ – so fängt der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch sein Weihnachtsgedicht „Feiertage“ an. Das in Sekundenschnelle zu einer atemlosen Wortrennerei um den Heiligen Abend wird. „Kind steht im Weg, Mutter steht im Weg, Oma steht im Weg, Vater steht im Weg.“ Alle steuern unaufhaltsam einem Ende mit Schrecken zu. „Vater hats am Magen, Mutter hats am Magen, Kind hats am Magen, Oma hats am Magen.“ Weil der mitleidende Hanns Dieter Hüsch sein Gedicht aber versöhnlich ausklingen lassen will, setzt er an den Schluss eine Verheißung: „Doch an Ostern wollen alle in jedem Falle wieder zusammen sein.“

Joachim Ringelnatz hat ein anrührendes Weihnachtsgedicht mit dem Titel „Einsiedlers Heiliger Abend“ geschrieben: „Ich hab in den Weihnachtstagen, / ich weiß auch, warum, / mir selbst einen Christbaum geschlagen, / der ist ganz verkrüppelt und krumm.“ Zur heiligen Stunde kocht er sich Erbsensuppe mit Speck und singt „aus burgundener Kehle das Pfannenflickerlied“. Kein Christkind guckt ihm durch die Tür, der Einsame würde es auch gar nicht hereinlassen: „Ich zog mich aus und ging leise / zu Bett ohne Angst, ohne Spott / und dankte auf krumme Weise / lallend dem lieben Gott.“

Ohne Spott? Für Loriot wäre das nicht zu machen. Vier Zeilen aus seinem Gedicht „Advent“ genügen, um den Leser auf gnadenlos erfundenen Spott einzustimmen: „Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer die Försterin im Herrenzimmer; in dieser wunderschönen Nacht hat sie den Förster umgebracht.“ Geradezu hinterhältig naiv berichtet Loriot von den Gräueltaten im adventlichen Horrorhaus.

Heinz Erhardt sieht zum Oh-du-fröhliche „aus so manchem Augenpaar die Träne klettern“ und Robert Gernhardt lässt Erika zu Wort kommen: „Ich bin Erika … ich schenke Vati ein Tischfeuerzeug zu 22,50, Vati schenkt Michael Tennisschläger zu 22 Mark … ich bin so gespannt auf Weihnachten.“

Die deutsche Literatur kennt eine Menge bunt verpackter und gut gemachter Weihnachtsgedichte. Herausragend auch Erich Kästners „Der Weihnachtsabend des Kellners“ – eine kleine Biografie in vier elegischen Strophen. Aber dann ist da noch Joseph von Eichendorffs ganz einzigartiges, ganz wunderstilles Gedicht, das von einem Heiligen Abend erzählt, wie es ihn vielleicht einmal gegeben hat (und vielleicht auch noch gibt).

Hanna Seiffert

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