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Kurt Tucholsky (1890 – 1935)
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RAFFKE
Ick bin die allerneuste Zeiterscheinung, Sie treffen mir an alle Orte an – Ick pfeife uff die öffentliche Meinung, Weil ick als Raffke mir det leisten kann. Ick bin die feinste von die feinen Nummern, Ick steh schon in die Illustrierte drin; Denn ob Jeschäfte oder Sekt und Hummern: Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!
Meen Vata war ein kleener Weichenstella, Und meene Jugend, die war sehr bewecht – Ick stand doch damals in’ Jemisekella, Und habe mit die Jurken einjelecht. Denn stieg ick uff. Und wurde richtig Raffke. Und steckt die janze Welt in’ Dalles drin: – Det macht mir nischt, denn ick vadiene daffke. Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!
Von wejen Kunst un so – ick kenn Tosellin! Ick weeß, der Strauß, der geigt det hohe Fis. Nur weeß ick nischt Jenaus von B-b-boticellin, Ob det nun’n Cognak oder’n Keese is, ’n Bild in Auftrag jeben tu ick imma, Weil ick nu mal’, jawoll, Meezeene bin – Jefällt mir’t nisch, häng icks ins Badezimma: Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!
In der Jeschäfte wüsten Lärm und Hasten Vajess ick ooch die süße Liebe nich. Sie, meene Olle is valleicht ’n Kasten, Die hat so zweenhalb Zentner Schwerjewicht! Aus meinen Schloss mit seine Silberputten, Da mach ick raus, wenn ick alleene bin – Et jibt ja Jott sei Dank noch so viel Nutten – Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!
Wat Sie hier sehn an meine dicken Händen, Den janzen Perlen- und Brillantsalat – Sie, det sin allet meine Dividenden, Denn ick bin dreißigfacher Aufsichtsrat. Und in den alljemeinen Weltenkollar, Da schieb ick still zur Bank von England hin: Und macht ihrs doll – ick mache immer Dollar! Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!
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In der Interpretation von Peter Welk können Sie das Gedicht - mit einem alten Tango aus der Schellackzeit unterlegt - hier aufrufen, mit Rechtsklick (speichern unter) als mp3-Datei herunterladen.
Weitere Tucholsky-Gedichte live hier
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Kurt Tucholsky war einmal Lieblingsautor aller Theaterleute. Die pointierten Texte, die so leichthin über die Rampe gehen, die hat er sich hart arbeitend „aus der Seele geschüttelt“ und die blitzfrechen Wahrheiten nie aus dem Ärmel. Tucholsky war Feinstilistiker. Und, wenn er an einer Chansonzeile feilte, Sänger. Das war einmal, und es kam an. Heute teilt Tucholsky Heines Schicksal: Er ist abgemeldet. Nicht der Dichter Tucholsky – der Satiriker und Chronist. 1926 hat er unter dem Pseudonym Kaspar Hauser in der Wochenzeitung Die Weltbühne den Text „Gruß nach vorn“ veröffentlicht: „Lieber Leser 1985 …“ – so fängt er an. Und wehmütig konstatiert er ein paar Zeilen weiter: „Alles an mir erscheint dir altmodisch, meine Art zu schreiben und meine Grammatik und meine Haltung ... ah, klopf mir nicht auf die Schulter, das habe ich nicht gerne. Vergeblich will ich dir sagen, wie wir es gehabt haben, und wie es gewesen ist ... nichts. Du lächelst, ohnmächtig hallt meine Stimme aus der Vergangenheit, und du weißt alles besser.“ Stimmt. Und das ist doch zum Heulen, oder? Drei dicke Bände Tucholsky-Prosa sind zu Ladenhütern verkommen. Aktuelles aus der Steinzeit. Drei dicke Bände Geschliffenes, Zugespitztes, schnörkellos in die Zeitgenossengesichter Gesagtes. Fragen Sie mal nach einem Hörbuch mit Tucholsky-Texten! Im Angebot allenfalls das neckisch romantisierende Rheinsberg. „Geh mit Gott, oder wie ihr das Ding dann nennt“ – ruft er dem lieben Leser 1985 zu – „wir haben uns wohl nicht allzu viel mitzuteilen, wir Mittelmäßigen. Wir sind zerlebt, unser Inhalt ist mit uns dahingegangen.“
Aber der Dahingegangene war Gott sei Dank auch Dichter. Und insofern doch für die Unsterblichkeit vorgemerkt? Vielleicht. Ein himmlisches Langzeiteckchen wird man ihm womöglich zwischen Erich Kästner und Werner Finck zugewiesen haben. Mit dem Gedicht „Park Monceau“ wird er am Vorlesetag dort oben Kästners Beifall finden. Und zum „Raffke“ wird ihm der Finck gratulieren. Der Kästner auch. Der Heine, wenn er kommt, garantiert auch. Denn mit der Raffke-Figur ist Tucholsky ein Archetypus gelungen. Ein ewiges und spießerböses Stehaufmännchen. Das nach dem Fall der Berliner Mauer, erinnern Sie sich?, unter den Auf- und Abräumern herumfuhrwerkte und auf die öffentliche Meinung pfiff, wie zu Tucholskys Zeiten.
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Wenn ick det sehe, wat se so machn, Wie se bei de jeringsten Sachn Sich uffpustn, det man denkt, se platzen, Wie se rot anlaufn, bis an die Jlatzen, Ahms spät un morjens um achte: Sachte! Sachte! Warum denn so furchtbar uffjerecht? Wir wem mal alle inn Kasten gelecht.
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George Grosz: “Schönheit, dich will ich preisen” (1919)
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“Der Simplicissimus ist tot, Thoma lebt in der Nähe ländlicher Sauställe, und ein Witzblatt von Gesinnung haben wir nicht mehr. Aber einen Karikaturisten, der sie alle, die von damals, überragt, einen, der mit Monokel, Mikroskop und zwei gesunden Augen neu, neu und noch einmal neu sieht: George Grosz. ... Und ich weiß keinen, der das moderne Gesicht des Machthabenden so bis zum letzten Rotweinäderchen erfasst hat wie dieser eine. Das Geheimnis: Er lacht nicht nur – er hasst. Das andre Geheimnis: Er zeichnet nicht nur, sondern zeigt die Figuren – welche patriotischen Hammelbeine! welche Bäuche! – mit ihrem Lebensdunst, ihrer gesamten Lebenssphäre in ihrer Welt. So, wie diese Offiziere, diese Unternehmer, diese uniformierten Nachtwächter der öffentlichen Ordnung in jeder einzelnen Situation bei Grosz aussehen: So sind sie immer, ihr ganzes Leben lang.” (Tucholsky, 1921)
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PARK MONCEAU Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen. Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist. Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen Sagt keine Tafel, was verboten ist. Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen. Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt. Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen Und freut sich, wenn er was gefunden hat. Es prüfen vier Amerikanerinnen, Ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn. Paris von außen und Paris von innen: Sie sehen nichts und müssen alles sehn. Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen. Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus. Ich sitze still und lasse mich bescheinen Und ruh von meinem Vaterlande aus.
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