Joachim Ringelnatz
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Neujahrsgebet

Herr, setze dem Überfluss Grenzen
Und lasse die Grenzen überflüssig werden.

Lasse die Leute kein falsches Geld machen,
Aber auch das Geld keine falschen Leute!

Nimm den Ehefrauen das letzte Wort,
Und erinnere die Ehemänner an ihr erstes.

Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
Und der Wahrheit mehr Freunde.

Bessere solche Beamten, Geschäfts– und Arbeitsleute, die wohl tätig,
Aber nicht wohltätig sind.

Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
Und den Deutschen eine bessere Regierung.

Herr, sorge dafür, dass wir alle in den
Himmel kommen,
Aber nicht sofort. Amen.

Pfarrer Hermann Kappen
von St. Lamberti zu Münster, 1883

Schneebuddha

Foto: Marion Reckow-Memmert

In der Interpretation von Peter Welk
können Sie das Neujahrsgebet mit Linksklick hier aufrufen, mit Rechtsklick (speichern unter) als mp3-Datei herunterladen.

„Ein neues Jahr! – Ein bessres wird es nicht“ prophezeit Frank Wedekind in seinem Gedicht „Silvester“. Und er fragt hinterher: „Und doch hängt das Geschick an einem Haar / Und lässt sich doch vom Klügsten nicht ergründen. / Wie werden diese Welt wir wiederfinden, / Wenn wir sie wiederfinden, übers Jahr?“ Ein Dichterkollege fragt nicht, er orakelt: „Hundert Träume seh ich jetzt ganz wunderbar / Eingewoben in das neue Jahr.“ Den aber bremst der besonnene Erich Kästner ab: „Man soll das neue Jahr nicht mit Programmen / Beladen wie ein krankes Pferd. / Wenn man es allzu sehr beschwert, / Bricht es zu guter Letzt zusammen.“ Und einen Rat an alle vermeintlich Gescheiterten, die im selbst verordneten Höhenflug das neue Jahr anzusteuern gedenken, hat Kästner auch: „Es nützt nicht viel, sich rot zu schämen. / Es nützt nichts, und es schadet bloß, / Sich tausend Dinge vorzunehmen. / Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!“ Mit einem Gebet führte Pfarrer Hermann Kappen von St. Lamberti zu Münster 1883 seine Gemeinde ins Neue Jahr – ein Wunschgebet ist es geworden, das als Einstieg auch in das Jahr 2009 eine gute Empfehlung ist; und das sich für zukünftigen Gebrauch sogar erweitern lässt, zum Beispiel so: „Herr, sieh die Düsseldorfer Hefte an, wie es sie 53 Jahre lang gegeben hat / Und gib uns die Hoffnung, dass man sich in 53 Jahren noch an sie erinnern wird.“

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