Joachim Ringelnatz
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... anders steh ich in der Zeit
Karl Kraus

Die Kunst, sie diene mir zum Schutz
Vor dieses Lebens Qualen.
Da ist die Malerei nicht nutz,
Den Leuten was zu malen.
Auch die Musik geht nicht drauf aus,
Es ist ihr nicht zu eigen,
Um einem gutbesuchten Haus
Gehörig heimzugeigen.
Nur mit der Wortkunst halt ichs drum,
Die ist für mich und jeden,
Sie hilft, um mit dem Publikum
Doch einmal Deutsch zu reden.

Baronin Sidonie (Sidi) Nádherny von Borutin

Baronin Sidonie Nádherny von Borutin, der sich Karl Kraus in Liebestodesangst, wie er es ausdrückte, verbunden fühlte: Ihr ist das Gedicht zugeeignet.

Kein Werk der Weltliteratur wurde häufiger ins Deutsche übersetzt als Shakespeares Sonette. Hunderte Dichter und Möchtegernlyriker haben sich daran versucht. Auch Stefan George, der zu seiner Zeit Hochverehrte. Auch Karl Kraus, der passionierte Rachefeldzügler, der 1932 zu Stefan Georges Shakespeare-Nachdichtungen in der Literaturzeitschrift Die Fackel notierte: „Befund hoffnungslos. Totholz jede Zeile.“ Der sich kurzerhand ans Schreibpult setzte und die 154 lyrischen Kostbarkeiten selbst nachdichtete. „… mit dem Anspruch auf das Urteil, dass eine bisher unerschlossene Partie der Shakespearschen Schöpfung der deutschen Sprache und der deutschen Dichtung gewonnen ist.“ Selbstbewusstsein war seine Sache immer. Eine unverhohlene Neigung zu öffentlich zelebrierter Selbstherrlichkeit erst recht. Kraus’ Lieblingspose: Der Olympier im Kampf gegen die literarische Unterwelt. Der Sprachbändiger im Kampf gegen die Phrasendrescher und Sprachschluderer. Das formende Genie im Kampf gegen die Text spuckenden Zeitungsschreiber, für die er den Begriff „Journaille“ prägte. Die er „Tintenstrolche“ schimpfte. „Die Menschen glauben immer noch, dass der menschliche Inhalt bei schlechtem Stil ein vorzüglicher sein könne, und dass sich die Gesinnung ganz separat etabliere. Aber ich behaupte, dass nichts notwendiger ist, als solche Leute als Makulatur einzustampfen.” Und feixend setzt er hinzu: “Oder es müsste ein Landtag über die Sprache konstituiert werden, der, wie für jede Kreuzotter, für jede erlegte Phrase eine Belohnung aussetzt.”

Der vierzigjährige Karl Kraus lernt am 8. September 1913 im Wiener Café Imperial die Baronesse Sidonie Nadherny von Borutin kennen. Das Zusammentreffen verändert beider Leben. Er erwägt, ihr zuliebe seine Zeitschrift Die Fackel aufzugeben. Sie kommt von der Verpflichtung gegenüber ihrer Familie nicht los, eine standesgemäße Heirat einzugehen. Sidi, wie er sie nennt, wird zur wichtigen Briefpartnerin, zur inspirierenden Zuhörerin und, virtuos von ihrem Sprachzauberer angehimmelt, zur Adressatin von Büchern und Gedichten.

Die Fackel, 15. Februar 1909
 

Karl Kraus (1874 – 1936)

Mein eigentlicher und einziger Erfolg besteht darin, die Welt, in die einzudringen mir von Natur verwehrt ist, hinreichend unsicher gemacht zu haben.

DEIN FEHLER

Dein Fehler, Liebste, ach, ich liebe ihn,
Weil du ihn hast,
Und er ist eine deiner liebsten Gaben.
Seh ich an andern ihn, so seh ich fast
Dich selbst und sehe nach dem Fehler hin,
Und alle will ich lieben, die ihn haben!

Fehlst du mir einst und fehlt dein Fehler mir,
Weil du dahin,
Wie wollt ich, Liebste, lieber dich ergänzen
Als durch den Fehler? Ach, ich liebe ihn,
Und seh ich ihn schon längst nicht mehr an dir,
Die Hässlichste wird mir durch ihn erglänzen!

Doch träte selbst die Schönste vor mich hin,
Und fehlerlos,
Und folgten ihr die Blicke scheel und scheeler *)
Ihr, die so vieles hat, fehlt eines bloß
Und alles drum - ach, wie vermiss ich ihn -
Ihr fehlt doch, Liebste, was mir fehlt: dein Fehler!

In der Interpretation von Peter Welk
können Sie das Gedicht mit Linksklick hier
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Karl Kraus, der Vorleser

DER VORLESER

Ich muss sie alle vereinen,
Die ich einzeln nicht gelten lasse.
Aus tausend, die jeder was meinen,
Mach ich eine fühlende Masse.
Ob der oder jener mich lobe,
Ist für die Wirkung egal.
Schimpft alle in der Garderobe,
Ihr wart mir doch wehrlos im Saal!

Kurt Tucholsky im Berliner Tageblatt (1920): “Der Vorleser Kraus ist einer der stärksten Eindrücke. Er sieht fast niemals auf, er liest richtig vor – nur manchmal beschreiben diese seltsamen schmalen Finger einen Halbkreis oder sie zeichnen eine Geste übertrieben auf ... nur die Stimme herrscht. Nein: Der Wille herrscht. Seine Stirnader schwillt. Mit ungeheurer Intensität bricht das Geschriebene und Erlebte noch einmal heraus – eine Eruption seltenen Grades. Er darf es wagen, entgegen allen Vortragsgesetzen, fortissimo zu beginnen und andante fortzufahren – weil es wahr ist, in jedem Augenblick wahr. Schrei auf Schrei entringt sich dieser gequälten Brust, Ruf auf Ruf, Klage auf Klage. Und Anklage auf Anklage.”

Karl Kraus

Mein Zeiger ist zurückgewendet,
Nie ist Gewesnes mir vollendet,
Und anders steh ich in der Zeit.
In welche Zukunft ich auch schweife.
Und was ich immer erst ergreife,
Es wird mir zur Vergangenheit.

Anmerkung
*)    - Und folgten ihr die Blicke scheel und scheeler -
diese Gedicht-Zeile wurde Karl Kraus untergeschoben. Im Original heißt es:
- Ich wäre meines Drangs zu dir kein Hehler -
Dem Sprachkünstler Karl Kraus eine Zeile unterzuschieben, mag als Todsünde eingestuft werden, die Originalzeile begreift beim Vortrag aber kein Mensch.
Peter Welk

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