Joachim Ringelnatz
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Auf Wortspielteufel komm raus
Heinrich Seidel

Man kann wohl sanfte Lämmer kannibalisch machen
Und liebenswürd’ge Tauben bestialisch machen,
Man kann Rhinozerosse musikalisch machen …
Man kann so leicht den Singular pluralisch machen
Und süße Rosendüfte infernalisch machen,
Man kann ein jedes Rindvieh idealisch machen …
Doch Rezensenten kann man nie moralisch machen.

der ältere Heinrich Seidel
der junge Heinrich Seidel

Dichteringenieur Heinrich Seidel (1842–1906)

Hallendach des Anhalter Bahnhofs in Berlin

Zwischen 1872 und 1880 entstand nach den Konstruktionsplänen Heinrich Seidels das Hallendach des Anhalter Bahnhofs in Berlin

DAS SONETT

So recht geeignet ist für spitz verzwickte
Verschnörkelte Ideen die verzwackte
Sonettenform, und für modern befrackte
Gedanken eine wunderbar geschickte.
 
Und wer von Weisheit nur ein Körnlein pickte
Und von Ide’n nur ein Ideelein packte,
Der zwängt es gerne in die höchst vertrackte
Sonettenhaut, die viel und oft geflickte.

Die Freude dann, wenn ihm das Glück dann glückte
Und schwitzend er sein Nichts zusammenstückte,
Darob er manche Stunde mühsam hockte!

Doch hilft’s ihm nimmer, dass er drückt’ und druckte,
Weil gähnend ob dem künstlichen Produkte
Die Menschheit ruhig einschläft, die verstockte.
 

In der Interpretation von Peter Welk
können Sie das Gedicht “Das Sonett” mit Linksklick
hier aufrufen, mit Rechtsklick (speichern unter) als mp3-Datei herunterladen.

Die Deutschstunde und das Sonett – erinnern Sie sich? „Sonette find ich sowas von beschissen“, dichtete Robert Gernhardt, „so eng, rigide, irgendwie nicht gut.“ Und Gernhardt dichtete das nicht locker ins reimfreie Blaue, er bediente sich dabei der strengen Sonettenform: zwei Strophen endgereimt zu vier Zeilen, gefolgt von zwei solide endgereimten Dreizeilern. Wie es sich gehört. Das Sonett (lateinisch „sonare“ – „tönen, klingen“) wird von der pädagogisch arbeitenden Fankurve auch „Klanggedicht“ genannt. Tausende solcher klingenden Wunder sind via Internet abrufbar. Gott im Himmel, was haben sich über die Jahrhunderte hinweg die Dichter und Dilettanten (italienisch „dilettare“ – „sich ergötzen“) nicht alles zusammensonettelt. Thema zweitrangig. Hauptsache, es kling(el)t. Wer auch immer aus lyrischem Antrieb zu reden sich anschickte, redete, wenn er nichts zu sagen hatte, bevorzugt nach Schema 44-33. Die wirklichen Dichter aber, Heinrich Seidel oder Robert Gernhardt, die haben sich dann über die Kollegen Sangundklanglyriker lustig gemacht. In Sonettenform, versteht sich. Seidels „Sonett“ ist die Konstruktion eines Ingenieurs außer Dienst (nach dessen Plänen, um ein Beispiel zu nennen, von 1872 bis 1880 das Hallendach des Anhalter Bahnhofs in Berlin gebaut wurde). Der vierzigjährig das „sonderbare Doppelleben“ als Ingenieur und nebenberuflicher Schriftssteller aufgab, um sich fortan nur noch seinen Dichterlaunen hinzugeben. Er besang alles, was es im ausgehenden 19. Jahrhundert zu besingen gab: anrührend reimend, betulich philosophierend, die gestandene Bürgerlichkeit gerne hochhaltend – und manchmal dichtete er auf Wortspielteufel komm raus, dass es nur so rauchte: „Wohl kann ich dich zum Schokoladenladen laden, doch nicht mit dir in Baden-Baden baden.“

AN EVELINE

Motto:
Wohl kann ich dich zum Schokoladenladen laden,
Doch nicht mit dir in Baden-Baden baden.

Ich kann dir nicht, was andre schenken, schenken
Und nicht die Welt aus den Gelenken lenken.
Du darfst dich nicht auf Schmuck und Spitzen spitzen,
Wirst nicht mit mir auf goldnen Sitzen sitzen,

Jedoch, der ich des Dichters Habe habe,
Vermag es, dass dich andre Labe labe:
Schon fühl ich es von Liederkeimen keimen,
Ich will sie dir in goldnen Reimen reimen,

Dass dir gar lieblich ihr Getöne töne,
Und dich der Verse Schmuck verschöne, Schöne.

Live-Vortrag des Gedichts - Peter Welk am 12. Januar 2008
 in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede hier

Frau und Herr Seidel während einer Lesung von Herrn Seidel

Frau und Herr Seidel während einer Lesung von Herrn Seidel

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