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Die Deutschstunde und das Sonett – erinnern Sie sich? „Sonette find ich sowas von beschissen“, dichtete Robert Gernhardt, „so eng, rigide, irgendwie nicht gut.“ Und Gernhardt dichtete das nicht locker ins reimfreie Blaue, er bediente sich dabei der strengen Sonettenform: zwei Strophen endgereimt zu vier Zeilen, gefolgt von zwei solide endgereimten Dreizeilern. Wie es sich gehört. Das Sonett (lateinisch „sonare“ – „tönen, klingen“) wird von der pädagogisch arbeitenden Fankurve auch „Klanggedicht“ genannt. Tausende solcher klingenden Wunder sind via Internet abrufbar. Gott im Himmel, was haben sich über die Jahrhunderte hinweg die Dichter und Dilettanten (italienisch „dilettare“ – „sich ergötzen“) nicht alles zusammensonettelt. Thema zweitrangig. Hauptsache, es kling(el)t. Wer auch immer aus lyrischem Antrieb zu reden sich anschickte, redete, wenn er nichts zu sagen hatte, bevorzugt nach Schema 44-33. Die wirklichen Dichter aber, Heinrich Seidel oder Robert Gernhardt, die haben sich dann über die Kollegen Sangundklanglyriker lustig gemacht. In Sonettenform, versteht sich. Seidels „Sonett“ ist die Konstruktion eines Ingenieurs außer Dienst (nach dessen Plänen, um ein Beispiel zu nennen, von 1872 bis 1880 das Hallendach des Anhalter Bahnhofs in Berlin gebaut wurde). Der vierzigjährig das „sonderbare Doppelleben“ als Ingenieur und nebenberuflicher Schriftssteller aufgab, um sich fortan nur noch seinen Dichterlaunen hinzugeben. Er besang alles, was es im ausgehenden 19. Jahrhundert zu besingen gab: anrührend reimend, betulich philosophierend, die gestandene Bürgerlichkeit gerne hochhaltend – und manchmal dichtete er auf Wortspielteufel komm raus, dass es nur so rauchte: „Wohl kann ich dich zum Schokoladenladen laden, doch nicht mit dir in Baden-Baden baden.“
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