Joachim Ringelnatz
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Die Gärten lauschen
Detlev von Liliencron
“Der Sommer” - Giuseppe Arcimboldo (1527-1593)

“Der Sommer” - Giuseppe Arcimboldo (1527-1593)

So sahen sie damals aus, die Lyriker: Theodor Storm, Paul Heyse, Detlev von Liliencron – rauschebärtig, dandybärtig, schnauzbärtig. Die Dichtergeneration vor ihnen scheute eher den Bärtekult: Brentano, Mörike, Eichendorff. Der lyrische Einfall des Freiherrn Joseph von Eichendorff „Sinnend ruht des Tags Gewühle / In der dunkelblauen Schwüle“ – den könnte man auch dem Freiherrn Detlev von Liliencron zuschreiben. Bei ihm heißt es: „Noch ein Blick in Weg und Weite / Ruhig liegt die Welt“. Beinahe Eichendorff, oder? Der Schnauzbart Liliencron – nach kurzer Militärkarriere und ein paar Jahren Verwaltungsarbeit – schlug sich als freier Schriftsteller durchs bürgerliche Leben. Schlug sich durch; denn Bürgerlichkeit, Großstadtrummel, Industriemoderne – davon wollte er nichts wissen. Er war, ähnlich den Romantikern, auf der Flucht vor allem, was als Fortschritt auf ihn eindrosch. Die imaginären Landschaften waren sein Zuhause. Liliencron konnte sich aber auch in einem derben, unverblümt realistischen Suffgedicht austoben (und, für seine Zeit ungewohnt, in freien Rhythmen): „Ich sitze zwischen Mine und Stine / Den hellblonden hübschen Friesenmädchen / Und trinke Grog“ ... „Die Welt ist das Tal der Küsse / Die Welt ist der Berg des Kummers / Die Welt ist das Wasser der Flüssigkeit / Die Welt ist die Luft des Unsinns.“ Detlev von Liliencron ist als Lyriker vergessen. Leider.

Theodor Storm (1817-1888)

Theodor Storm (1817-1888)

Paul Heyse (1830-1914)

Paul Heyse (1830-1914)

Detlev von Liliencron

Schöne Junitage

Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuss,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muss –
Flussüberwärts singt eine Nachtigall.

Sonnengrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht –
Flussüberwärts singt eine Nachtigall.

Straßentreiben, fern, verworren,
Reicher Mann und Bettelkind,
Myrtenkränze, Leichenzüge,
Tausendfältig Leben rinnt –
Flussüberwärts singt eine Nachtigall.

Langsam graut der Abend nieder,
Milde wird die harte Welt,
Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Kinde wird der Held –
Flussüberwärts singt eine Nachtigall.

Detlev von Liliencron (1844-1909)

Detlev von Liliencron (1844-1909)

In der Interpretation von Peter Welk
können Sie Liliencrons ”Schöne Junitage” mit Linksklick
hier aufrufen, mit Rechtsklick (speichern unter) als mp3-Datei herunterladen.

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