Joachim Ringelnatz
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Er gehört zu jenen Käuzen ...
Christian Morgenstern

Sei's gegeben, wie's mich packte,
Mocht es oft auch in vertrackte
Bildungen zusammenschießen.
Kritisiert es streng und scharf,
Doch wenn ich euch raten darf:
Habt auch Unschuld zum Genießen.

DER WERWOLF

Ein Werwolf eines Nachts entwich
Von Weib und Kind und sich begab
An eines Dorfschullehrers Grab
Und bat ihn: „Bitte, beuge mich!“

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
Auf seines Blechschilds Messingknauf
Und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
Geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf”, sprach der gute Mann,
„Des Weswolfs, Genitiv sodann,
Dem Wemwolf, Dativ, wie mans nennt,
Den Wenwolf, – damit hats ein End.“

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
Er rollte seine Augenbälle.
„Indessen”, bat er, „füge doch
Zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!”

Der Dorfschulmeister aber musste
Gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäbs in großer Schar,
Doch Wer gäbs nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
Er hatte ja doch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
So schied er dankend und ergeben.

In der Interpretation von Peter Welk
können Sie das Gedicht mit Linksklick hier
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Weil ins Reich der Fantasie erhoben

Bilder, die man aufhängt umgekehrt,
Mit dem Kopf nach unten, Fuß nach oben,
Ändern oft verwunderlich den Wert,
Weil ins Reich der Fantasie erhoben.

Palmström, dem schon frühe solches kund,
Füllt entsprechend eines Zimmers Wände,
Und als Maler großer Gegenstände
Macht er dort begeistert Fund auf Fund.

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern (1871 – 1914)
... er gehört zu jenen Käuzen,
Die oft unvermittelt nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Ein Morgenstern-Gedicht zu erfinden, ist gar nicht so schwer: Man muss staunen können, das genügt. Und ein bisschen mit Sprache umgehen können. Und eine Pointe setzen können. Und die zweite Naivität muss man haben – ohne die geht allerdings gar nichts. Ein Morgenstern-Gedicht fängt zum Beispiel so an: „Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis.“ Daraus kann man ein Gedicht machen? Ist das nicht die pure Sinnlosigkeit? Ja, ist es. Überwältigende Sinnlosigkeit! „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen.“ Wunderbarer Quatsch! „Korf erfindet eine Uhr, die mit zwei Paar Zeigern kreist und damit nach vorn nicht nur, sondern auch nach rückwärts weist.“ Himmlischer Unfug! Mit dem der Purzelbaum-Dichter Morgenstern in drei schlicht gebauten Strophen den Beweis antreten kann, dass die Zeit, von seinen Zeigern umlaufen, sich selber aufhebt.

der Dreijährige

Der Dreijährige

Und Räume heben sich auf, wenn dieser Dichter, Sohn eines Landschaftsmalers, Enkel zweier Landschaftsmaler, zum Beispiel von einem Lattenzaun zu erzählen beginnt: „Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein großes Haus.“ Der Zwischenraum als Zweitwohnung zum Verrücktspielen – gar kein abwegiger Gedanke, oder? Hat man sich erst einmal eingelassen auf diesen, im rätselhaftesten Sinne des Wortes, verrückten Christian Morgenstern, wird man nicht zum Dichter, aber garantiert zum Gelegenheits-Dadaisten. (Übrigens: Dem Dadaismus ist Morgenstern mit seinem Gedicht „Das große Lalula“ um ein ganzes Jahrzehnt zuvorgekommen.) Und vor allem wird man ihn nicht wieder los, diesen skrupellosen Hütchenspieler zwischen Raum und Zeit, der mit Sprache umgehen konnte, wie der Lyrikerkollege Rilke, der in einem Brief an Morgenstern bewundernd schrieb: „Du Glückskind, wetten will ich fast, dass du die Taschen voller Sterne, die Seele voller Jubel hast.“ Die Seele voller Siebenschweine, Mondschafe und Werwölfe hatte er außerdem.

fotografisches Selbstporträt (1906)

PALMSTRÖM

Palmström steht an einem Teiche
Und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
Dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen,
Er gehört zu jenen Käuzen,
Die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
Was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
Weil er ungeschneuzt entschreitet.

der Achtzehnjährige

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