Joachim Ringelnatz
ringelnatz.de – die Gedichteseite

[Gedichte und Geschichten] [Ringelnatz] [Karl Kraus] [Tucholsky] [Heinrich Seidel] [Wilhelm Busch] [Detlev von Liliencron] [von Thümmel] [Theodor Kramer] [Simon Dach] [Paul Fleming] [Otto Reutter] [Norbert Esser] [Gumppenberg] [Neujahrsgebet] [Aloys Blumauer] [Heine] [Weihnachtsgedicht] [Silvester] [Guenther Nehm] [Christian Morgenstern] [Mausefalle] [Uhrenvergleich] [Na?]
Aloys Bluamauer (1755-1798)

Der Rechenmeister Amor


Der Tausendkünstler Amor ließ
Sich bei der jungen Dorilis
Zum Rechenmeister dingen,
Und wusst' in einer Stunde da
Die ganze Arithmetika
Ihr spielend beizubringen.

Im Rechnen und im Lieben sind
Fünf Spezies, mein schönes Kind,
Die will ich dich dozieren:
Ich küsse dich ein-, zwei-, dreimal,
Du zählest diese Küsschen all,
Und das heißt Nummerieren.

Zu meinen Küssen setzest du
Dann auch die deinigen hinzu,
So lernest du Addieren;
Zählst du mir deine Küsschen her,
Und findest dann um einen mehr,
So kannst du – subtrahieren.

Die vierte Spezies, mein Kind,
Könnt' ich zwar ebenso geschwind
Dir praktisch explizieren;
Allein das Einmaleins ist lang,
Und jungen Mädchen wird oft bang
Vor dem Multiplizieren;
Doch käm' ein Nullchen noch hinzu –
Auch noch so klein – so würdest du
Gar bald das Faktum spüren.

Drum lass in dieser Spezie
Nicht früher dich, als in der Eh'
Durch Hymen instruieren;
Denn aufs Multiplizieren kömmt,
Wie man sich auch dagegen stemmt,
Von selbst das Dividieren.

Aloys Blumauer (1755-1798)

Und jungen Mädchen wird oft bang vor dem Multiplizieren
Jahr der Mathematik 2008

Ein Freund Mozarts, dieser spitzfedrige Aloys Blumauer: Österreicher, Freimaurer, Buchhändler, Satiriker. Gerühmt wurde von den Zeitgenossen sein Hauptwerk „Virgils Aeneis travestirt“, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für Aufsehen sorgte und in viele europäische Sprachen übersetzt wurde; die Geschichte vom Untergang Trojas in flott gereimten 49 Siebenzeilern: Die Griechen hielten uns umschanzt / Zehn volle Jahr' und drüber: / Allein wo man Kartätschen pflanzt, / Da setzt es Nasenstüber. / Dies schien den Griechen nun kein Spaß, / Denn, unter uns, sie hielten was / Auf unversengte Nasen. – Ab Strophe fünf wird es dramatisch: Auf einmal war's wie ausgekehrt / Im Lager: Doch sie ließen / Zurück ein ungeheures Pferd / Mit Rädern an den Füßen. / Sankt Christoph selbst, so groß er war, / Hätt' ohne Ruptionsgefahr / Den Gaul euch nicht geritten.

Als literarischen Beitrag zum Jahr der Mathematik 2008 präsentieren die Düsseldorfer Hefte Aloys Blumauers „Rechenmeister Amor“, ein Kleinod aus der Abteilung heitere Liebeslyrik. Dem des Kontrastes wegen eine Blumauersche Bosheit vorangestellt sei:

Es wundert dich, dass ein so garstig Ding,
Als eine Raupe ist, zum schönsten Schmetterling
In wenig Wochen wird: Mich wundert's nicht;
Denn wiss', auch manche Schöne kriecht
Als Raupe morgens aus dem Bette
Und kömmt als Schmetterling von der Toilette.

In der Interpretation von Peter Welk
können Sie Blumauers ”Rechenmeister” mit Linksklick
hier aufrufen, mit Rechtsklick (speichern unter) als mp3-Datei herunterladen.

ringelnatz.de – die Gedichteseite

eMail

joachim@ringelnatz.de

[Impressum]

[Gedichte und Geschichten] [Ringelnatz] [Karl Kraus] [Tucholsky] [Heinrich Seidel] [Wilhelm Busch] [Detlev von Liliencron] [von Thümmel] [Theodor Kramer] [Simon Dach] [Paul Fleming] [Otto Reutter] [Norbert Esser] [Gumppenberg] [Neujahrsgebet] [Aloys Blumauer] [Heine] [Weihnachtsgedicht] [Silvester] [Guenther Nehm] [Christian Morgenstern] [Mausefalle] [Uhrenvergleich] [Na?]